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Warum verlangen wir Kindern etwas ab, das wir Erwachsenen niemals von uns selbst verlangen würden?

  • Autorenbild: Sarah Bauernhofer
    Sarah Bauernhofer
  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Ich sitze gerade am Laptop und schreibe diese Zeilen. Draußen donnert es. Nicht ein bisschen, es hat gerade so laut gekracht, dass ich selbst zusammengezuckt bin. Und in genau diesem Moment denke ich an meine Tochter.


Sie ist heute auf Projektwoche gefahren - für fünf Tage, von Montag bis Freitag. Und während ich hier sitze und mich frage, ob das Gewitter dort genauso heftig ist wie bei uns, habe ich keine Möglichkeit, sie zu kontaktieren. Sie hat keine Möglichkeit, mich zu kontaktieren - zumindest nicht selbstständig, denn ihr Handy liegt hier neben mir.



Genau in diesem Moment habe ich übrigems meinem 13-jährigen Sohn eine Nachricht geschrieben - denn auch er ist seit heute auf Sommersportwoche: „Ist bei dir alles okay?“ Wenige Sekunden später kam die Antwort: „Ja, alles okay.“ Mehr nicht und trotzdem ging es mir plötzlich um 50 Prozent besser. Nicht, weil ich ihn kontrollieren wollte, auch nicht weil ich wissen musste, was er gerade macht, sondern weil Verbundenheit manchmal genau daraus besteht: zu wissen, dass es dem anderen gut geht.


Und genau deshalb beschäftigt mich die Situation meiner Tochter gerade sehr.

Bevor jetzt jemand „Helikoptermama“ ruft: Nein, darum geht es nicht. Natürlich weiß ich, dass Kinder Selbstständigkeit lernen müssen. Natürlich weiß ich, dass Kinder Erfahrungen ohne ihre Eltern machen sollen. Natürlich weiß ich, dass meine Tochter diese Woche überstehen wird. Aber ich frage mich trotzdem:

Warum verlangen wir von Kindern etwas, das wir Erwachsenen niemals von uns selbst verlangen würden?

Wenn ich fünf Tage auf Dienstreise wäre, würde ich meinen Mann täglich mehrere Male kontaktieren. Ich würde meine Mama kontaktieren. Ich würde auch meine beste Freundin kontaktieren. Nicht, weil ich unselbstständig bin und auch nicht, weil ich nicht loslassen kann, sondern weil Bindung ein menschliches Grundbedürfnis ist.


Kein Mensch würde von einem Erwachsenen erwarten, fünf Tage lang freiwillig auf jeden Kontakt zu seinen wichtigsten Bezugspersonen zu verzichten. Warum erwarten wir es dann von Zehnjährigen?!

Und ja, ich gebe offen zu, dass ich schon die Dauer dieser Projektwoche kritisch sehe.

Fünf Tage sind für ein zehnjähriges Kind eine lange Zeit. Ich weiß, dass viele das anders sehen werden, aber aus meiner Sicht hätten zwei Nächte völlig gereicht, um Gemeinschaft zu erleben, Selbstständigkeit zu fördern und wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Dass Kinder in diesem Alter gleich eine ganze Schulwoche von zu Hause weg sind, empfinde ich persönlich als zu viel.


Noch mehr beschäftigt mich allerdings die Frage, warum Kinder im Jahr 2026 dabei keine autonome Möglichkeit haben sollen, ihre Eltern zu kontaktieren. Als ich vor über 20 Jahren auf Salzburg-Woche gefahren bin, war das anders. Damals gab es keine Smartphones.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit Münzen zum Telefon gegangen bin, um zu Hause anzurufen. Das war die Realität damals. Heute gibt es nicht einmal mehr Münztelefone in Hotels. Heute hat praktisch jedes Kind die technische Möglichkeit, mit seinen Eltern Kontakt aufzunehmen. Und trotzdem entscheiden wir uns bewusst dagegen. Nicht, weil es nicht möglich wäre, sondern weil es nicht erlaubt ist!

Dabei rede ich nicht von ständiger Erreichbarkeit. Ich rede nicht davon, dass Kinder den ganzen Tag am Handy hängen sollen. Mir würde es vollkommen reichen, wenn die Kinder morgens und/oder abends für 15 Minuten ihre Handys bekommen würden, um kurz zu Hause anzurufen oder eine Nachricht zu schreiben. Danach kann man die Geräte wieder einsammeln. Ein kurzes „Guten Morgen“, ein kurzes „Mir geht es gut“, ein kurzes „Gute Nacht“.


Vielleicht spielt bei meiner Sichtweise auch noch etwas anderes mit hinein: Laura hat zu ihrem 10. Geburtstag im Mai von uns ihr erstes iPhone bekommen. Und bevor jetzt jemand die Augen verdreht: Ja, das war eine bewusste Entscheidung. Mit klaren Regeln, mit Bildschirmzeiten, mit Einschränkungen, mit Gesprächen darüber, was ein Smartphone kann und was eben nicht.

Und ganz ehrlich? Im Alltag erleben wir die Vorteile davon regelmäßig. Wenn ich zum Beispiel nur kurz zum Billa fahren muss, weil ich wieder einmal eine Packung Topfen vergessen habe, kann Laura zu Hause bleiben, weil wir beide wissen, dass wir uns jederzeit erreichen können. Sie muss sich keine Sorgen machen, ich muss mir keine Sorgen machen. Ein kurzer Anruf oder eine Nachricht genügt. Für mich persönlich ist genau das ein Stück gelebte Selbstständigkeit.


Deshalb vertrete ich auch eine Meinung, die nicht jeder teilt: Ich persönlich finde ein Handy ab der 4. Volksschule beziehungsweise ab etwa zehn Jahren durchaus passend. Als Werkzeug für Kommunikation, Sicherheit und einen altersgerechten Einstieg in die digitale Welt.


Genau deshalb fällt es mir wahrscheinlich auch so schwer nachzuvollziehen, warum Kindern auf einer mehrtägigen Schulveranstaltung jede eigenständige Kontaktmöglichkeit genommen wird. Denn aus meiner Sicht ist das Handy nicht automatisch ein Feind der Selbstständigkeit.

Manchmal ermöglicht es Selbstständigkeit überhaupt erst. Und ja, ich weiß, dass jetzt manche sagen werden: „Aber wenn etwas ist, kann sie ja zur Lehrerin gehen.“ Das stimmt.

Die Lehrerin weiß Bescheid. Laura darf sich melden, wenn sie mich anrufen möchte.

Und dafür bin ich dankbar.

Aber genau darum geht es mir.

Warum muss ein zehnjähriges Kind darum bitten, seine eigene Mama oder seinen eigenen Papa kontaktieren zu dürfen? Warum muss dieser Wunsch zuerst ausgesprochen, erklärt und genehmigt werden? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich geht das weder im Kopf noch im Herzen noch im Bauch zusammen. Denn wir sprechen hier nicht von einer fremden Person. Wir sprechen von Mama und Papa, den der wichtigsten Bezugsperson eines Kindes.

Und ich frage mich, warum wir es normal finden, dass ein Kind erst um Erlaubnis bitten muss, um mit seiner eigenen Mutter sprechen zu dürfen, obwohl die technische Möglichkeit längst vorhanden wäre.

Vielleicht liegt die eigentliche Frage darin, ob wir noch immer davon ausgehen, dass Kinder selbstständiger werden, wenn wir den Kontakt zu ihren wichtigsten Bezugspersonen bewusst einschränken. Ich bin mir da nicht so sicher. Denn für mich sind Verbundenheit und Selbstständigkeit keine Gegensätze.

Ein Kind kann selbstständig sein und gleichzeitig wissen, dass Mama oder Papa erreichbar sind. Genauso wie wir Erwachsenen selbstständig durchs Leben gehen und dennoch täglich Kontakt zu den Menschen haben, die uns wichtig sind. Vielleicht lernen Kinder Selbstständigkeit nicht dadurch, dass sie auf ihre Bezugspersonen verzichten müssen. Vielleicht lernen sie sie vielmehr dadurch, dass sie die Sicherheit haben, dass diese Bezugspersonen da sind - auch dann, wenn sie gerade nicht gebraucht werden.


In den letzten Tagen habe ich von außen schon einiges gehört.

Ich müsse loslassen. Ich solle die Zeit für mich genießen. Ich müsse meine Kinder selbstständig werden lassen. Soll ich euch etwas sagen, was ich muss? Gar nichts muss ich.


Ich darf meine Kinder vermissen. Ich darf mir Gedanken machen. Ich darf bei diesem Gewitter sofort an meine Tochter denken. Ich darf mich sorgen. Ich darf finden, dass fünf Tage für ein zehnjähriges Kind sehr lange sind. Und ich darf mich auch über die Entscheidung ärgern, Kindern in einer Zeit, in der Kontakt so einfach möglich wäre, keine selbstständige Kontaktmöglichkeit zu ihren Eltern zu geben.


Das alles macht mich nicht zu einer Helikoptermama (und wenn, ist es mir auch egal ;) ). Es macht mich einfach nur zu einer Mama, die ihre Kinder liebt. Zu einer Mutter, die ihren Kindern sehr wohl Selbstständigkeit zutraut, aber nicht versteht, warum Selbstständigkeit immer wieder mit Distanz verwechselt wird.


Für mich fühlt sich das gerade wie emotionale Folter an. Nicht, weil ich mein Kind kontrollieren möchte. Auch nicht, weil ich ihr nichts zutraue, sondern weil ich in einem Moment wie diesem einfach gerne wüsste, wie es meiner zehnjährigen Tochter gerade geht. Weil ich weiß, dass eine einzige kurze Nachricht reichen würde. Ein „Alles gut, Mama.“ Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Dinge fallen mir in diesem Moment ein, die wir unseren Kindern ganz selbstverständlich zumuten, die wir als Erwachsene selbst nur schwer akzeptieren würden: Kein Erwachsener würde freiwillig sagen:

"Ich fahre fünf Tage weg und gebe mein Handy ab."

Nicht einmal im Urlaub.


Wenn Erwachsene traurig sind, dürfen sie traurig sein.

Wenn Erwachsene jemanden vermissen, dürfen sie das sagen.

Wenn Kinder traurig sind, heißt es oft:

"Denk nicht daran." "Lenk dich ab." "Das wird schon."

Vielleicht könnten wir Kindern auch zugestehen, dass Vermissen etwas völlig Normales ist.


Wenn ein Erwachsener Heimweh hat, ruft er jemanden an oder fährt nach Hause.

Wenn ein Kind Heimweh hat, wird oft gesagt:

"Da musst du jetzt durch."

Warum eigentlich?


Stell dir vor, bei jedem Meeting würde jemand sagen:

„Schauen Sie, Frau Müller kann das besser.“
„Herr Meier ist schneller.“
„Da müssen Sie sich mehr anstrengen.“

Erwachsene würden das als toxische Arbeitskultur bezeichnen.

Kinder erleben solche Vergleiche regelmäßig. Wenn eine Mutter ihr Kind vermisst:

"Du musst loslassen."

Wenn ein Partner seine Partnerin vermisst:

"Wie schön, dass ihr euch so nahe seid."

Das finde ich persönlich einen spannenden Widerspruch.


Stell dir vor, du müsstest im Büro die Hand heben und fragen:

„Darf ich bitte auf die Toilette?“

Und manchmal bekämst du sogar ein Nein.

Für viele Kinder ist das völlig normal.


____________________________________________ Vielleicht sollten wir uns echt diese eine wichtige Frage stellen: Warum verlangen wir von Kindern etwas, das wir Erwachsenen für uns selbst niemals akzeptieren würden?


 
 
 

4 Kommentare


Sandra
vor 4 Stunden

Hallo, ich bin als Schulassistenz in einer Volksschule tätig und muss sagen dass mich die 5 Tage wirklich wundern. So eine lange Zeit steht oder stand bei uns noch nie zur Debatte. Eine oder zwei Nächte um mal was Neues zu erleben- aber 5 Tage, das wäre für mich als Mutter ohne Kontakt bzw mit wenig Kontakt zu dem Kind nicht zu tolerieren. Und ich finde es echt stark Sarah - dass du dazu überhaupt was sagst. Viele sagen nämlich nix und lassen alles kommentarlos machen - wollte als SA schon öfter Einwand erheben - aber das steht mir leider nicht zu.


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Gast
vor einem Tag

Das kann ich absolut und zu 100 % unterschreiben 🙌🏻

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Erika L.
vor 2 Tagen

Du sprichst mir aus der Seele! Bei uns kommende Woche auch 5 Tage und natürlich darf kein Handy mit! Hab auch schon Bammel weil wir beide sehr sensibel sind und uns immer vergewissern müssen das es den anderen gut geht!

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Kathi
vor 2 Tagen

Ich bin voll bei dir


Meine Tochter war vor kurzem auch Projektwoche ohne Kontak für mich als Mama die schlimmste 3 Tage


Ich kann mich noch erinnern wie ich jung war gab es in der jugendherberge ein Telefon und da durften wir Mama und Papa anrufen 😀


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