top of page

"Ich wurde als Kind missbraucht. Und niemand hat mich geschützt."

  • Autorenbild: Sarah Bauernhofer
    Sarah Bauernhofer
  • 16. Apr.
  • 13 Min. Lesezeit

Triggerwarnung: In diesem Interview geht es um sexuellen Missbrauch an Kindern. Ich sag’s euch ehrlich: Dieses Gespräch hat mich sprachlos gemacht. Nicht, weil ich nicht weiß, dass es sowas gibt, sondern weil man es einfach nicht wahrhaben möchte.

Eine Mama sitzt mir gegenüber. 28 Jahre alt, zwei Kinder, mitten im Leben. Und sie erzählt mir ihre Geschichte. Eine Geschichte, die so unfassbar ist, dass man sie am liebsten wegschieben würde. Aber genau das machen wir nicht mehr. Wir brechen dieses Tabu. Wir schauen hin, wir hören zu, weil Wegschauen genau das ist, was solche Dinge möglich macht. Dieses Interview ist nicht leicht, aber es ist wichtig. Für jede Mama, für jedes Kind.


Bist du bereit hinzuschauen?

Magst du ein bisschen erzählen, wer du heute bist?

Ja, voll gern. Ich bin die Paula (Name wurde von mir geändert). Ich bin 28 Jahre alt, glücklich verheiratet und Mama von zwei Kindern. Mein Baby ist gerade einmal acht Wochen alt und heute sogar mit dabei. Mein großes Kind ist vier und geht aktuell in den Kindergarten. Vor gut einem Jahr sind wir in die Oststeiermark gezogen und haben uns dort ein neues Zuhause aufgebaut.

Aber du bist nicht unbedingt aus freien Stücken in die Oststeiermark gezogen, richtig?

Genau. Ich komme ursprünglich aus einem anderen Bundesland und ja, - ich bin nicht freiwillig gegangen. Ich musste diesen Ort hinter mir lassen, weil mich meine Vergangenheit immer wieder eingeholt hat. Psychisch, aber auch durch konkrete Vorfälle in den letzten Jahren. Ich hab mich dort einfach nicht mehr wohlgefühlt, nicht mehr sicher. Und das war für mich der Punkt, wo klar war: Ich muss etwas ändern. Vor allem für meine Kinder. Ich wollte, dass sie in Sicherheit aufwachsen können. Wenn du von deiner Vergangenheit sprichst, sind wir auch schon bei dem Thema, um das es heute in unserem Gespräch geht. Magst du mir erzählen, was damals passiert ist? Ja, das mache ich. Ich kann mittlerweile gut darüber sprechen, also bitte nicht wundern, wenn es sich vielleicht sehr ruhig oder fast selbstverständlich anhört, wenn ich es erzähle. Ich bin als Kind regelmäßig sexuell missbraucht und vergewaltigt worden und das von Personen aus meinem familiären Umfeld. Sexuelle Übergriffe passieren in den seltensten Fällen durch Fremde. Viel öfter geschehen sie dort, wo man sich eigentlich sicher fühlen sollte: im familiären Umfeld oder im engsten Kreis aus vertrauten Personen. Genau das macht es so schwer greifbar und so wichtig, dass wir hinschauen und darüber sprechen.


Du sagst regelmäßig - was muss ich mir darunter vorstellen?

Es ist fast jeden Sonntag passiert, beim Brunch bei meinen Großeltern. Begonnen hat es, als ich ungefähr drei Jahre alt war und es hat sich bis zu meinem neunten Lebensjahr gezogen. Ich kann das gerade kaum verstehen und ehrlich gesagt auch schwer aushalten. Sechs Jahre lang, wie kann das sein? Ja… wie kann das sein. Die Erklärung ist eigentlich ganz einfach: Es wird irgendwann „normal“. Wenn dir schon als Kleinkind immer wieder vermittelt wird, dass das einfach so ist, dann glaubst du das. Du hinterfragst es nicht, weil du es gar nicht anders kennst.

Fachstellen und Studien zeigen klar: Kinder können sexuellen Missbrauch oft nicht als „falsch“ einordnen - vor allem dann, wenn er durch vertraute Personen passiert. Täter arbeiten gezielt mit Manipulation, Nähe und auch mit Schweigen oder Drohungen. Für ein Kind, das emotional und abhängig ist, verschwimmen dadurch Grenzen. Wenn sich Übergriffe wiederholen, werden sie Teil des Alltags - etwas, das das Kind zwar spürt, aber nicht benennen oder einordnen kann. Deshalb berichten viele Betroffene später, dass es sich für sie damals „normal“ angefühlt hat. Nicht, weil es das war, sondern weil ihnen die Möglichkeit gefehlt hat, es als Unrecht zu erkennen.


Wie hat es begonnen? Wir waren fast jeden Sonntag bei meinen Großeltern zum Brunch eingeladen. Da wohnte auch noch mein Onkel - ein Pflegekind meiner Großeltern väterlicherseits. Wir waren damals drei Geschwister - ich, meine ältere Schwester und mein jüngerer Bruder. Zuhause durften wir nicht viel Fernsehen, bei meinen Großeltern schon - im Zimmer meines Onkels. Da waren wir wie gefangen in der Welt des TVs. Einmal, ich war so drei Jahr alt, hat er mich dann zu sich ins Bett geholt und die Decke über uns gezogen. Er hat angefangen mich anzufassen und sich dabei selbst zu befriedigen. Und so kam es im Laufe der Zeit zu schwerem sexuellen Missbrauch. Ich habe auch immer wieder geblutet und hatte Schmerzen, aber wir wurde eingeredet das sei normal. Ich ging danach auf's Klo, wischte mich ab und - so hart es klingt - das Leben ging weiter. Und deine Geschwister haben davon nichts mitbekommen? Nein, die sind einfach vorm Fernseher gesessen, komplett vertieft. Und auch die Erwachsenen im anderen Zimmer haben lange nicht mitbekommen, was da eigentlich passiert - bis ich ungefähr fünf war. Irgendwann hab ich meinen Papa dann ganz nebenbei gefragt, was mein Onkel eigentlich immer mit meinem „Bisi“ macht. Und genau so ist das Ganze dann ans Licht gekommen.


Und was war dann? Warum sagst du, es ging bis zu deinem neunten Lebensjahr? Haben deine Eltern und Großeltern dann nichts dagegen unternommen?

An diesem Tag schon. Mein Papa hat seinen "Bruder" - also meinen Onkel - brutal zusammengeschlagen. Aber das war’s dann auch.


In der Familie wurde das Ganze später als „Doktorspiele“ abgetan. Es wurde heruntergespielt, nicht wirklich ernst genommen. Und danach… ist einfach alles weitergegangen. Bei jedem Brunch am Sonntag, hinter einer verschlossenen Zimmertür. Warum hat deine Mama nichts unternommen?

Meine Mama war selbst ein Opfer. Sie hat unter meinem narzisstischen Vater gelitten, hat regelmäßig Gewalt erlebt und war in einer Familie gefangen, die – das weiß ich heute – einfach krank war.  Denn auch mein Großvater ist ein Täter - und er lebt noch und läuft auch trotz Verurteilung frei herum. Der Opa hat meiner Mama sogar eine Pistole an den Kopf gehalten und ihr klargemacht, dass sie ab sofort Teil dieses Systems ist - und dass kein Wort nach außen dringen darf. Er hat dadurch seine Macht demonstriert und dass sie weiß, was er sagt, das gilt.


Und du fragst dich jetzt wahrscheinlich auch, was meine Oma gemacht hat…

Nichts. Sie wollte den Ruf der Familie schützen. Mein Großvater hatte ein hohes Amt, war Beamter und nach außen musste alles perfekt wirken. Fachstellen wie Kinderschutzorganisationen und Traumaforschung zeigen klar: Hinter sexuellem Missbrauch steckt sehr oft ein bewusstes System. Täter handeln in vielen Fällen nicht spontan, sondern gehen strategisch vor. Man spricht dabei auch von „Grooming“. Das bedeutet, dass Täter gezielt Vertrauen aufbauen - zum Kind, aber oft auch zum Umfeld. Sie suchen Nähe, schaffen Situationen, in denen sie allein mit dem Kind sind und testen schrittweise Grenzen. Für das Kind wirkt das oft nicht sofort bedrohlich, weil es in etwas eingebettet ist, das sich zuerst nach Aufmerksamkeit, Zuwendung oder etwas „Besonderem“ anfühlt. Genau das macht es so perfide. Dieses systematische Vorgehen ist einer der Gründe, warum Missbrauch so lange unentdeckt bleiben kann, selbst im engsten familiären Umfeld. Dein Opa war auch Täter? Dein Opa hat dich also auch sexuell missbraucht? Ja. Ich wurde auch von meinem Opa missbraucht. Da war ich ungefähr zwölf Jahre alt. In dem Alter hat er angefangen, sich für mich zu interessieren - genau dann, als sich mein Körper verändert hat, die Brust zu wachsen beginnt und man langsam zur jungen Frau wird.

Ich kann das gerade alles kaum glauben. Nicht, weil ich an deinen Worten zweifle, sondern weil es so unfassbar ist und mir als Mama von einem Mädchen einfach so weh tut. Was war mit deinen Geschwistern? Hat man das nur mit dir gemacht oder auch mit ihnen?

Meine beiden Geschwister waren auch betroffen, ja.


Meine Schwester hat mir schon früher davon erzählt, bei ihr ging es - ausgehend vom Onkel und Opa - auch über Jahre, teilweise geschah es unter Betäubung. Von meinem Bruder haben wir es erst viel später erfahren, eigentlich erst in dem Moment, als wir uns gemeinsam dazu entschieden haben, die beiden Täter anzuzeigen. Das ist jetzt ungefähr vier Jahre her. Es gab auch weitere Opfer, die Schwester meiner Oma zum Beispiel, aber sie wurde auch mundtot gemacht und erpresst, nichts an die Öffentlichkeit zu bringen.


Und das ist alles bei deinen Großeltern zu Hause passiert?

Vieles, ja. Aber nicht nur dort. Es ist auch oft im Urlaub passiert. Wir Kinder waren mit unseren Großeltern und meinem Onkel regelmäßig alleine campen. Auch im Wohnwagen kam es zu Übergriffen - genauso wie draußen, zum Beispiel am Strand, wenn wir alleine waren. Einmal, beim Schnorcheln in einer abgelegenen Bucht, hat mich mein Opa mit dem Seil einer Boje gefesselt und gesagt, wenn ich es schaffe, mich innerhalb von zwei Minuten zu befreien, lässt er von mir ab. Ich habe es nicht geschafft. Er hat sich auf mich gestürzt und in genau diesem Moment sind zum Glück Kanufahrer vorbeigekommen. Das war meine Rettung. Du warst da ja schon älter, war es für dich immer noch „normal“? Hast du dich nie gewehrt oder versucht, dich zu schützen?

Je älter ich geworden bin, desto mehr habe ich schon gespürt, dass etwas nicht stimmt. Ich habe auch versucht, mich zu schützen - so gut ich eben konnte als Kind. Einmal im Urlaub waren wir alle am Strand. Ich wollte nur kurz zurück zum Wohnwagen, um etwas zu holen. Mein Onkel hat mir das T-Shirt meiner Schwester hingehalten, so nach dem Motto: „Hol dir das schnell.“ In dem Moment, wo ich danach greifen wollte, hat er mich festgehalten und runtergedrückt. Er hat immer wieder gesagt: „Ist eh gleich vorbei, ist gleich vorbei.“ Und ich… war einfach weg. Wie abwesend. Nicht mehr richtig in meinem Körper. So eine Art Schockstarre. Du funktionierst einfach, lässt es passieren, weil du in dem Moment gar nicht anders kannst.

Warum haben euch eure Eltern, vor allem deine Mama trotzdem noch mit diesen Menschen alleine gelassen?

Meine Mama hat schon versucht, uns so wenig wie möglich mit ihnen alleine zu lassen. Aber es war unglaublich schwer, sich da wirklich dagegenzustellen. In dieser Familie hat eine ganz klare patriarchale Struktur geherrscht - vor allem ausgehend von meinem Opa. Er hatte die Macht, er hat bestimmt, wie alles läuft. Im Nachhinein sehe ich das ganz klar als Machtmissbrauch. Damals war es ein System, in dem man sich kaum entziehen konnte.


Patriarchale Strukturen können sexuellen Missbrauch zusätzlich begünstigen, vor allem dort, wo Macht, Autorität und Hierarchien nicht hinterfragt werden dürfen. Wenn einzelne Personen - oft Männer in dominanten Rollen - über lange Zeit unantastbar sind, entsteht ein Umfeld, in dem Grenzen leichter überschritten und Taten eher vertuscht werden. Angst, Abhängigkeit und der Druck, „die Familie zu schützen“, führen dazu, dass Betroffene schweigen und andere wegsehen. Genau solche Machtgefälle machen es Tätern leichter und Kindern nahezu unmöglich, sich zu wehren oder gehört zu werden. Hast du jemals mit jemandem außerhalb der Familie darüber gesprochen?

Im Kindergarten oder in der Volksschule nicht. Wenn ich heute darüber nachdenke, war ich auf jeden Fall verhaltensauffällig, aber das hat niemand wirklich hinterfragt. Ich war halt einfach „so“.


In der Hauptschule habe ich dann einmal versucht, mich einem Sozialarbeiter anzuvertrauen. Aber der hat meinen Papa kontaktiert und mein Papa meinte, ich würde mir das alles nur ausdenken, weil ich mit der Scheidung nicht klarkomme. Er hat dem Sozialarbeiter dann sogar verboten, weiter mit mir zu sprechen.

Wann hat dieses Martyrium ein Ende genommen?

Der Anfang vom Ende war im Urlaub. Es ist erneut etwas passiert und diesmal habe ich mich meiner Schwester anvertraut. Sie war damals schon 16 und hat eine unglaubliche Stärke gezeigt. Sie hat unseren Großvater konfrontiert und ihm ganz klar gesagt, dass er die Finger von mir lassen soll - sonst würde sie ihn anzeigen und alles öffentlich machen. Das war ein Wendepunkt. Trotz ihrer eigenen Geschichte hat sie in diesem Moment für mich gekämpft.

Und trotzdem seid ihr erst vor vier Jahren an die Öffentlichkeit gegangen und habt die Täter angezeigt? Ja. Wir haben das alle jahrelang verdrängt, teilweise auch „funktionierend“. Aber ganz ehrlich: Es holt dich immer wieder ein. Ich hatte lange selbst das Gefühl, schuld zu sein. Als hätte ich irgendetwas falsch gemacht. Dieses Gefühl ist sogar im Gerichtsprozess noch da gewesen. Ich habe mit Depressionen gekämpft, hatte immer wieder Suizidgedanken… Der Wendepunkt kam dann durch meine große Schwester. Sie hatte einen heftigen Streit mit meinem Papa und da ist plötzlich alles wieder hochgekommen. Und sie hat dann ganz klar gesagt: „So, jetzt reicht’s. Wir müssen das jetzt machen.“ Uns war bewusst: Das wird nicht leicht. Die ganze Familie würde sich wahrscheinlich gegen uns stellen und so war es auch. Und der Punkt, an dem sich dann alles verändert hat, war der Moment, als wir erfahren haben, dass es noch weitere Opfer gibt. Weitere Kinder und Frauen, denen mein Großvater das angetan hat. Da war für uns klar: Jetzt gehen wir den Weg. Ganz oder gar nicht. Wir sind direkt zur Staatsanwaltschaft gegangen, ohne Umwege. Und was viele nicht wissen: Wenn du als Kind sexuell missbraucht wurdest, hast du in Österreich bis zu deinem 30. Lebensjahr Zeit, Anzeige zu erstatten.


Und seit der Anzeige bin ich auch in psychologischer Therapie. Das war für mich ein riesiger Schritt, weil ich so aufgewachsen bin mit dem Gedanken: „Zum Therapeuten geht man nicht.“

Heute weiß ich, wie wichtig genau das gewesen wäre, schon viel früher.

Und was ist heute mit den Tätern?

Der Großvater läuft - trotz belastender Beweise, unter anderem auch sichergestelltem kinderpornografischem Material - noch immer frei herum. Er wurde zwar zu zehn Jahren verurteilt, ist aber in Berufung gegangen, immer und immer wieder. Und sein ehemaliges Amt, das er über viele Jahre innehatte, scheint ihn bis heute zu schützen. Es wurde ein Waffenverbot gegen ihn ausgesprochen - und trotzdem ist er weiterhin im Besitz von Waffen.

Mein Onkel hat mittlerweile selbst eine Familie, Frau und Kinder. Er wurde zu 15 Monaten verurteilt, davon fünf Monate unbedingt. Es gab auch Schmerzensgeld – insgesamt 20.000 Euro. Mir persönlich wurden davon 4.000 Euro zugesprochen. Mit der Begründung, dass bei ihm „nicht mehr zu holen“ ist. Aber weißt du Sarah, das Geld ist mir egal. Das werde ich sowieso spenden. Mir geht es um Gerechtigkeit und dass man Tätern zeigt "So nicht!". Die Familie hat sich größtenteils gegen mich gestellt. Ich wurde sogar als „Miststück“ bezeichnet - als jemand, der nur Geld und Aufmerksamkeit will. Das war unglaublich verletzend, aber leider auch ein Teil von dem, was passiert, wenn man solche Dinge öffentlich macht.


Es war auch einer der Gründe, warum ich mich gemeinsam mit meiner eigenen Familie dazu entschieden habe, wegzugehen. Und ganz ehrlich: Solange der Täter noch frei herumläuft, war für mich klar, dass ich für mein ganzes Leben Abstand brauche - für mich, für meinen Mann und für meine Kinder. Sexueller Missbrauch ist rechtlich kein „Nebendelikt“, sondern eine eigenständige, schwere Straftat. Gerade bei Kindern spricht das Gesetz klar von sexuellem Missbrauch von Unmündigen oder – je nach Schwere – von schwerem sexuellem Missbrauch.

Dabei geht es nicht um „Körperverletzung im klassischen Sinn“, sondern um den Schutz der sexuellen Selbstbestimmung sowie der körperlichen und seelischen Unversehrtheit von Kindern. Das Strafmaß hängt stark vom konkreten Tatbestand ab – also davon, was genau passiert ist, wie oft, wie lange und unter welchen Umständen. In Österreich bewegt sich der Strafrahmen häufig in einem Bereich von etwa 15 Monaten bis zu mehreren Jahren Freiheitsstrafe, in schwereren Fällen auch darüber hinaus. Gerade dieser Strafrahmen wird von vielen Betroffenen als zu gering empfunden. Für die Anerkennung von Schäden - etwa im Rahmen von Schmerzensgeld - werden unter anderem sogenannte „Schmerztage“ durch Gutachten festgestellt, die das Ausmaß der psychischen und körperlichen Folgen bewerten.

Wichtig zu wissen: Wenn sexueller Missbrauch in der Kindheit passiert ist, haben Betroffene länger Zeit, Anzeige zu erstatten. In vielen Fällen ist das bis zum 30. Lebensjahr möglich.

Wie hat dich das Erlebte als erwachsene Frau und Mama geprägt?

Das hat zwei Seiten. Beruflich hat es mich ganz klar geprägt: Ich will Sozialpädagogin werden und arbeite in der Kinderbetreuung. Ich merke, dass ich durch meine Geschichte eine extreme Sensibilität entwickelt habe. Ich sehe oft früher, wenn etwas nicht stimmt und kann Kindern und Frauen anders begegnen. Weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt, wenn einem nicht geglaubt wird.


Als Mama versuche ich, meine Kinder auf allen Ebenen zu stärken. Ich erziehe sehr offen, bei uns gibt es keine Verniedlichungen, wir sprechen ganz klar von Penis und Vagina. Meine Kinder sollen von Anfang an wissen: Mein Körper gehört mir.

Ich lasse meine Kinder aber auch mit niemandem alleine, außer mit ihrem Papa. Und

Wenn die Kinder im Intimbereich wund sind und eingecremt werden müssen, dann mache ich das ganz bewusst selbst. Auch die Angst ist immer da. Jeden Tag. Gerade als Mama ist sie noch viel stärker geworden. Egal, wem ich begegne, egal, wer meine Kinder anspricht oder ihnen zu nahe kommt, ich bin sofort angespannt. Vor allem bei Männern. Und ganz besonders bei älteren Männern. Da ist sofort dieses Gefühl von Angst da, ohne dass ich es kontrollieren kann. Ich beobachte alles viel genauer, bin ständig wachsam. Gleichzeitig arbeite ich extrem viel an mir. Gerade in Alltagssituationen, wenn ich mit meinem Kind diskutiere oder es etwas macht, was nicht in Ordnung ist, kommen oft meine eigenen Erfahrungen hoch. Wie ich behandelt worden bin. Und ich versuche dann ganz bewusst, es anders zu machen. Liebevoll, klar, mit Grenze, aber ohne Angst. Kinder brauchen Grenzen, aber innerhalb dieser Grenzen auch Freiheit.





Was würdest du dir von unserer Gesellschaft wünschen?

Dass dieses Thema endlich kein Tabu mehr ist. Dass wir aufhören, Opfer in Frage zu stellen. Diese Täter-Opfer-Umkehr - das macht so viel kaputt. Wenn du zur Polizei gehst und dann gefragt wirst: „Was hattest du an?“ Was spielt das bitte für eine Rolle? Kein Mensch, kein Mann hat das Recht, mich anzufassen oder mir so etwas anzutun. Punkt.


Ich wünsche mir viel mehr Aufklärung. Dieses „Meinem Kind passiert das eh nie“ oder "In unserer Familie passiert das nicht" - das ist einfach gefährlich. Genau so denken viele und genau deshalb wird oft weggeschaut. Wir brauchen eine Gesellschaft, die hinschaut. Die aufmerksam ist. Die ein Gefühl dafür entwickelt, so ein inneres Warnsystem.

Und wir als Mamas dürfen lernen: Wir müssen nicht gefallen. Wir müssen unsere Kinder schützen. Nein, eure Tochter muss dem Opa kein Bussi geben, wenn sie das nicht will. Nein, euer Sohn muss sich beim Schularzt nicht untersuchen lassen, wenn er sich dabei unwohl fühlt - vor allem nicht ohne Vertrauensperson. Ein „Nein“ von einem Kind ist ein Nein. Auch wenn es für uns Erwachsene manchmal unbequem ist.


Kinder dürfen lernen, dass sie Grenzen haben und dass diese Grenzen respektiert werden. Auch von der eigenen Familie. Weitere Beispiele, die so wichtig sind: Nein, euer Kind muss nicht auf dem Schoß von jemandem sitzen, nur weil es „höflich“ ist. Nein, euer Kind muss sich nicht umarmen oder angreifen lassen, wenn es das nicht möchte. Nein, ihr müsst euer Kind nicht alleine irgendwo lassen, wenn ihr ein ungutes Gefühl habt, egal ob bei Bekannten, auf Feiern oder bei Aktivitäten.


Und ganz wichtig: Sprecht offen mit euren Kindern. Nennt die Dinge beim richtigen Namen: Penis, Vagina. Macht nichts daraus, was „peinlich“ ist. Das ist nicht nur Aufklärung, das ist auch ganz konkreter Schutz. Denn wenn ein Kind sagen kann, was passiert ist- klar und eindeutig - dann kann ihm auch geglaubt und geholfen werden.


Nennt ein Kind seine Vagina „Blümchen“, wird es im Ernstfall unglaublich schwer, das rechtlich klar einzuordnen. Das klingt hart, aber genau so ist es. Sprache kann in solchen Situationen entscheidend sein.


Deshalb: Gebt euren Kindern die richtigen Worte mit. Für ihren Körper, für ihre Grenzen.

Denn je klarer Kinder benennen können, was ihnen gehört und was passiert, desto besser können sie sich schützen und desto ernster werden sie auch genommen, wenn sie etwas sagen.



Mein persönliches Schlusswort

Ich sag’s euch ganz ehrlich: Dieses Interview hat etwas mit mir gemacht. Es hat nochmal alles verschoben. Ich war schon immer aufmerksam, aber seit diesem Gespräch bin ich es noch mehr. Ich frage mein Kind noch bewusster, wie es ihm geht, ich höre noch genauer zu, ich spüre noch mehr hin. Und ja, vielleicht nennt mich jetzt jemand Helikopter-Mama. Vielleicht wird gelästert. Aber wisst ihr was? Es ist mir egal.


Weil es hier nicht um irgendwas geht. Es geht um mein Kind. Und über meinem Kind steht nichts und niemand. Keine gesellschaftliche Erwartung, keine Höflichkeit, kein „Das macht man halt so“.


Und was mich seit diesem Gespräch nicht mehr loslässt: Wie viele Kinder betroffen sind. Studien zeigen, dass es viel mehr sind, als wir glauben wollen, auch in unserem direkten Umfeld. Das passiert nicht irgendwo, das passiert mitten unter uns.


Und trotzdem laufen Täter oft frei herum. Strafen wirken im Vergleich zu dem, was sie anrichten, erschreckend gering. Ein zerstörtes Leben und auf der anderen Seite ein paar Monate oder Jahre Strafe. Genau deshalb dürfen wir nicht mehr wegschauen.

Schauen wir hin. Brechen wir dieses Tabu. Hören wir unseren Kindern wirklich zu. Nehmen wir sie ernst. Und fahren wir unser inneres Warnsystem hoch.

Und weil sich das vielleicht einige von euch fragen werden: Zu ihrer Mama und ihren Geschwistern hat Paula Kontakt. Paulas Mama ist heute eine stolze und liebevolle Oma, trägt aber gleichzeitig schwere Schuldgefühle mit sich. Zu allen anderen Familienmitgliedern wurde der Kontakt abgebrochen.

 
 
 

3 Kommentare


Kathi
16. Apr.

Versteh sowas nicht , warum laufen solche Leute noch frei rum ? Warum

Ich bin echt schockiert

Vor allem wenn man noch so klein ist hat man ja noch Mutterkindpass untersuchungen das müsste ja sogar ein arzt merken das , da was nicht stimmt .


Gefällt mir
Gast
17. Apr.
Antwort an

Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Nicht jeder Missbrauch hinterlässt körperliche Spuren, die ein Arzt sofort erkennen kann. Gerade wenn es über längere Zeit passiert, ist es oft eher die Psyche, die leidet und die wird leider viel zu oft übersehen. Leider waren Ärzte vor 20, 30 Jahren auch noch nicht so sensibilisiert wie heute…


Und warum Täter noch frei herumlaufen… das hat viel mit Beweislage, langen Verfahren und auch damit zu tun, dass solche Fälle oft sehr spät zur Anzeige kommen.

Gefällt mir

Pia
16. Apr.

Unfassbar 😣😣😣

Gefällt mir

Deine Anfrage

bottom of page